Der Stammbaum
(Text von Sabine Schönach)

Der Stammbaum - ein unnötiger "Fetzen" Papier zum Angeben?

Ein Stammbaum gehört zu einer Rassekatze wie der Personalausweis zu uns Menschen.

Wie oft hört man Rassekatzenliebhaber sagen:
“Papiere? Brauchen wir nicht, weil wir wollen ja gar nicht auf Ausstellungen oder züchten. Wir wollen unser Rassekätzchen doch nur zum Liebhaben und der Stammbaum vergammelt doch sowieso in irgendeiner Schublade.“

Den meisten Katzenliebhabern, die mit Ausstellungen nichts am Hut haben, ist es völlig egal, ob die Vorfahren irgendwelche Titeln besaßen.
Leider glauben viele Käufer, dass es sich bei den Papieren von Rassekatzen doch nur um eine reine Prestigefrage zum „Angeben“ handelt.
Dies ist jedoch ein schwerer Irrtum, denn es zählen nicht die Titeln im Stammbaum, sondern ganz andere Dinge.

Wie sieht ein Stammbaum aus?

Ein normaler Stammbaum ist in drei Bereiche aufgeteilt. Im obersten Bereich stehen die Daten der Katze, zu der er gehört.
Im mittleren Bereich sind dann die Daten der vier oder fünf Generationen der Vorfahren zu finden.
Ganz unten am Stammbaum sind der Züchter und der ausstellende Verein vermerkt.
Die wichtigsten Informationen über die Rassekatze, die im Kopfbereich stehen müssen, sind:

- Name
- Zwingername
- Geschlecht
- Geburtsdatum
- Anzahl der Geschwister
- Farbe (ausgeschrieben oder in Form eines Farbcodes)
- Rasse (ausgeschrieben oder in Form eines Codes)
- Registrierungsnummer

Welche Bedeutung hat ein Stammbaum?

Die Bedeutung von Stammbäumen wird ziemlich oft unterschätzt. Abstammungspapiere zeigen eine lückenlose Reihe von Vorfahren auf und beweisen, dass die Katze reinrassig ist.
Die Ahnen des Kätzchens wurden demnach alle von ausgebildeten Zuchtrichtern für zuchttauglich befunden, da sie dem Rassestandard entsprechen.
Weiters sind alle im Stammbaum vorkommenden Vorfahren, deren Züchter sich ebenso an Zuchtrichtlinien zu halten haben, bei einem Verein registriert.

Sollten Sie Lust und Zeit dazu haben, lesen Sie sich die Zuchtregeln unseres Vereins (Verein -> Statuten -> Zuchtrichtlinien) in Ruhe durch.

Der Stammbaum hilft Züchtern auch dabei, ihre Linien zu überschauen, was ihnen ermöglicht, gesunde Linien miteinander zu kombinieren und dabei nicht den Überblick zu verlieren.

Da wir es noch immer mit Geschöpfen der Natur zu tun haben, kann es trotz Zuchttauglichkeit passieren, dass versteckte Erbfehler erst nach Generationen auftreten und sich beim Nachwuchs zeigen.
Mit Hilfe des Stammbaumes kann der Züchter leichter herausfinden, über welche Linien bestimmte Defekte vererbt werden konnten und dementsprechend handeln, indem er betroffene Tiere aus der Zucht nimmt bzw. weitere Züchter, welche mit Tieren aus diesen Linien züchten, darüber informiert.
Wenn man mit Tieren ohne Papieren züchtet, weiß man nicht, ob Großmutter oder Onkel nicht an einer Erbkrankheit verstorben sind und diese sich bereits an die eigenen Tiere weiter vererbt hat.

Ein Stammbaum hilft ebenso dabei, den Verwandtschaftsgrad der Tiere untereinander unter Kontrolle zu halten.
Man sieht ganz genau, wer mit wem auf welche Art und Weise verwandt ist und kann so den Inzuchtwert unter Kontrolle halten.
Sollte man Formen von Inzucht erkennen, ist das im Grunde nichts Ungewöhnliches, da die meisten Rassekatzen, um bestimmte Merkmale hervorzuheben, einen bestimmten Inzuchtgrad aufweisen.
Zusätzlich stammen die meisten Rassen von einigen wenigen Ursprungstieren ab und erst durch das Entstehen nachfolgender Generationen hat sich der Inzuchtwert reguliert.

Manchmal kommt es sogar vor, dass Inzestverpaarungen (Geschwister- oder Eltern-Kinder-Verpaarungen) stattgefunden haben, welche jedoch nur von erfahrenen Züchtern gemacht werden sollten und ebenso beim Verein begründet werden müssen. Der Züchter muss dem Verein in diesem Fall ein Zuchtkonzept vorlegen.
Sollte ihr Kätzchen einen solchen Stammbaum aufweisen, fragen Sie Ihren Züchter ruhig nach den Gründen dafür.
Normalerweise sollten in den ersten drei Generationen mindestens 10 verschiedene Namen zu finden sein.

Warum gibt es Leute, die „Rassekatzen“ ohne Papiere verkaufen?

Leider gibt es viele Vermehrer (ich nenne sie bewusst nicht Züchter), die ihre „Rassekatzen“ ohne Stammbaum verkaufen und das meist für scheinbar weniger Geld.
Der Käufer meint, ein Schnäppchen gefunden zu haben, denn die vermeintlichen Elterntiere sind zu besichtigen und scheinen auch gesund zu sein. Da kann man dann schon leicht in Versuchung kommen, sich auf den Kauf eines Kätzchens ohne Stammbaum einzulassen.

Doch eigentlich müsste es ja einen Grund dafür geben, dass diese Leute in keinem Verein sind und sich nicht an bestimmte Zuchtregeln halten wollen.
Die gängigste Ausrede dieser Leute ist meist, dass sie deshalb keinem Verein angehören, da sie ihre Tiere sonst auf Ausstellungen zeigen müssen. Dies ist übrigens absoluter Schwachsinn, denn es gibt genügend Vereine, deren Mitglieder nicht der Ausstellungspflicht unterliegen.
Eher trifft es zu, dass die Verkäufer ohne Vereinszugehörigkeit ihre Katzen mit jeder Rolligkeit decken lassen (die Katze wird zur Wurfmaschine und hat keine Erholungsphasen zwischen den Würfen) und die Babys ungeimpft bzw. viel zu früh (ab 8 Wochen) von der Mutter trennen können, um sie dann für einen nicht gerechtfertigten Preis an ahnungslose Käufer zu verscherbeln.

Die Elterntiere sind meistens selbst nicht reinrassig, sondern sehen der vermeintlichen Rassekatze nur ähnlich oder aber der "Züchter" vermehrt mit Rassekatzen, welche er selbst von einem Züchter gekauft, jedoch keine Zuchterlaubnis erhalten hat (er handelt vertragswidrig, wenn er mit Liebhabertieren züchtet).

Leider gibt es auch Züchter, die zwar in einem Verein gemeldet sind, aber nur einen Teil ihrer Würfe registrieren lassen, um mehr Babys "produzieren" und verkaufen zu können. Meist ist dies der Fall, wenn der Züchter Ihnen ein Kitten ohne Stammbaum und somit "billiger" anbietet. Es gibt natürlich auch weitere Gründe, wieso ein Züchter versuchen könnte, Ihnen ein Kitten ohne Stammbaum unterzujubeln.
Z. B. sind die Babys zu eng miteinander verwandt, so dass man für sie keine Stammbäume bekäme (es könnte dem Züchter ein Hoppala-Wurf zwischen Schwester und Bruder passiert sein) und deswegen bietet der Verkäufer sie „großzügigerweise“ billiger und ohne Papiere an.

Sie sehen also, Stammbäume geben auch den Käufern wichtige Informationen und eine bestimmte Sicherheit, ob bestimmte Dinge ihre Ordnung haben.
Trotzdem halten Sie sich bitte immer vor Augen:

Stammbäume können niemals eine Garantie dafür sein, dass ein Rassekätzchen ewig gesund bleibt, denn es handelt sich immer noch um Geschöpfe, welche sich den Launen der Natur unterwerfen müssen.
Niemand kann in ein Tier hineinschauen – egal, ob mit oder ohne Stammbaum – jedoch sollte gewährleistet sein, dass das Jungtier aus einer kontrollierten Zucht stammt, seine Elterntiere gesund sind, dem Rassestandard entsprechen und nicht ausgebeutet wurden.